November 2017, Untersiggenthal
selektiver Projektwettbewerb

Zentrum Landstrasse

Städtebauliche Studie zur Zentrumsentwicklung in Untersiggenthal


In Zusammenarbeit mit:
Chasper Schmidlin, Lisa Mäder - Schmidlin Architekten Zürich
Daniel Schläpfer, Landschaftsarchitektur Zürich
Mauro Cerrato, Takt Baumanagement Zürich
Alexandra Wicki, stadt raum verkehr Zürich

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Städtebau und Architektur

Die Gemeinde Untersiggenthal plant ein belebtes und gut besuchtes Zentrum entlang der Landstrasse. Der Studienauftrag umfasst die Projektierung einer Mehrzweckhalle mit Bühne, eine Dreifachturnhalle und einen neuen öffentlichen Platz. Es galt eine städtebaulichen Gesamtidee für das neue „Zentrum Landstrasse“unter Einbezug des Strassenraumes zu entwickeln.

Die städtebauliche Grundidee besteht darin den Strassenraum Landstrasse mit höhengestaffelten Längsvolumen räumlich zu fassen und da das Gewerbe, Dienstleistungen und die Wohnungen zu etablieren. Nordseitig kommen die öffentlichen Gebäude, die Mehrzweckhalle, die Dreifachturnhalle und den Dorfplatz sowie weitere öffentliche Aussenräume zu liegen. Dieser Gestaltungsplan beschränkt sich nicht auf den Planungsperimeter sondern bezieht die Raiffeisenbank und das Baufeld mit dem Gemeindehaus bis hin zur westlich in die Landstrasse einmündenden Schulstrasse mit ein. Diese Disposition folgt der Überzeugung, das Gewerbe profitiere von der Landstrasse mit Ihrem Durchgangsverkehr und die neuen, öffentlichen Bauten und Aussenräume ergänzten sich optimal mit dem Gemeindehaus und der Schule samt der dazugehörigen Spielwiese. Diese Zuordnung und Lesart wird durch die Ausrichtung der einzelnen Gebäudevolumen unterstützt. So begleiten die Längsvolumen die Landstrasse, während die Hallen rechtwinklig dazu stehen und sich damit auf die länglichen Schulhaustrakte mit den dazwischenliegenden Aussenräumen beziehen. Zur Steigerung der Verwandtschaft der nutzungsbedingt flachen und breiten Hallenvolumen werden diese mit Grabendächern versehen. Es entsteht ein Faltwerk, eine Leichtigkeit ausstrahlende Dachlandschaft und die für das Gesamtprojekt so charakteristische Silhouette der beiden Hallen insbesondere deren ausdrucksstarke Schnittfigur. Zwischen den beiden beschriebenen “Nutzungszonen“ eröffnet sich eine mit einer Baumreihe versehene Gasse welche zu Post und Raiffeisenbank führt und die Gewerbeflächen und die Wohnungen nordseitig erschliesst. Weiter sind aus ihr Einblicke in die Hallen möglich. Die beiden Hallen sind als separate Gebäude geplant, damit sie sich in ihrer Körnung im umliegenden städtebaulichen Massstab integrieren und differenzierte Aussenräume und Zugangssituationen entstehen. Im Übergang zum Gemeindehaus kommt der Dorfplatz zu liegen, während im Zwischenbereich der beiden Hallen ein Erschliessungsplatz entsteht, der von den Vereinsräumen wie auch von der Dreifachturnhalle genutzt werden kann. Die Mehrzweckhalle mit kulturellem, politischen und festlichem Programm adressiert sich klar an den Dorfplatz. Die in der Mehrzweckhalle untergebrachten Vereinsräume und die Sporthallen adressieren sich an den Zwischenraum. Die Hallen können so über den Aussenraum verbunden als Gesamtanlage genutzt werden. Es sind aber auch gleichzeitig stattfindende Anlässe ohne Publikumsdurchmischung möglich.


Urbanes Gewebe

Das neue Zentrum ist keine vom städtischen Leben abgesonderte Enklave, sondern eine offene Anlage, die ihrer Bedeutung als gesellschaftliche Einrichtung gerecht wird. Bestehende Verbindungen zu den umliegenden Quartieren, sei es zu den historischen Kernen, zu den Naherholungsgebieten oder zu benachbarten Schulen müssen verbessert und neue Verbindungen — beispielsweise zum Gelände südlich der Landstrasse — geschaffen werden. Dabei kommen den bestehenden Aussenräumen eine wichtige Bedeutung zu. Dank deren Erschliessungsfunktion ermöglichen sie eine umfangreiche Verknüpfung des Zentrums in das bestehende urbane Gewebe von Untersiggenthal. Darüber hinaus trägt eine regionale Durchwegung der Anlage zur Integration des neuen Zentrums bei.

Vorhandenes Weiterdenken

Es gilt die Bebauungstypologie der angrenzenden Siedlungsstruktur zu verstehen und weiterzuentwickeln. Die neue Zentrumsbebauung soll sich mit der angrenzenden Bebauungsstruktur verweben und als neuer Baustein im Gefüge vermitteln, vernetzen, verknüpfen und komplettieren. Die Systematik der linearen Bebauung entlang des Strassenraums wird weitergeführt, sie ist Lärmschutzriegel für den Dorfplatz und zugleich dessen neuen Adresse zur Landstrasse. Die der Körnung und Ausrichtung der angrenzenden Längsbauten der Schule folgenden Hallenbauten machen das prägnante Gesicht der Zentrumsbebauung zu den Sportflächen und zur Dorfstrasse hin.

Freiraumgestaltung

Die Ausgangslage für die Neugestaltung der Freiräume im Zentrum von Untersiggenthal bilden die bestehenden Strassenräume. Die Quartierstrassen Kornfeldweg, Mardeläcker- und Schulstrasse werden in ihrem räumlichen Charakter und in ihrer Erschliessungsaufgabe aufgewertet und als grüne Rahmung für die neue Zentrumsfläche genutzt. Im Einmündungsbereich in die Landstrasse wird der Kornfeldweg sowie die Mardeläckerstrasse auf das angrenzende Trottoir-Niveau angerampt womit eine übergreifende, platzartige Situation zur östlichen situierten Raiffeisenbank (“Kornfeld-Platz”) und westlichen gelegenen Bushaltestelle (“Mardeläcker-Platz”) geschaffen wird. Für die Landstrasse ist innerhalb des Betrachtungsperimeters ein Mittelstreifen mit einer einreihigen Baumpflanzung vorgesehen. Auf eine geschlossene, zum Strassenverlauf parallel verlaufende Gebäudeflucht wird verzichtet. Stattdessen bereichern unterschiedliche Vor- und Rücksprünge der Neubauten den Strassenraum. Ergänzend bespielen einzelne Solitärbäume die platzartigen Vorzonen der vorgesehenen Wohn- und Gewerbehäuser. Die neue Mehrzweck- und Dreifachturnhalle bilden zusammen mit dem bestehenden Gemeindehaus fortan das Zentrum der Gemeinde. Ein Teppich aus grossformatigen Ortbeton-Platten unterstreicht eine zusammenhängende Lesbarkeit der öffentlichen Bauten und schafft dank seiner Materialität und dem streifenförmigen Belagsmuster eine übergeordnete Identität. Zwischen dem Gemeindehaus und der Mehrzweckhalle kommt der neue Dorfplatz zu liegen, dessen Ränder in die orthogonalen Baumpflanzungen entlang der Quartierstrassen übergehen. Entsprechend findet der dortige Aufenthalt im Zusammenspiel mit der Randbepflanzung statt womit die Platzfläche weitgehend freigehalten wird. Mit Blick auf die Nutzung der beiden Hallen durch die Schülerschaft ist eine konfliktfreie Erschliessung zwischen dem Zentrum und der Schulanlage wichtig. Die Schulstrasse soll daher zur Begegnungszone aufgewertet und künftig als Bindeglied zur Erschliessung der Hallen dienen. Zudem soll die bestehende Rasenfläche nördlich der Schulstrasse direkt vom Zentrumsplatz her zugänglich sein womit bei Anlässen im Zentrumsbereich die Mitnutzung einer grosszügigen Grünfläche möglich wäre.

Strassenraum Landstrasse

Die den Wohnraum, die Gewerbe- und Büroflächen beinhaltenden Gebäudevolumen an der Landstrasse fassen den Strassenraum und adressieren sich mit einem geeigneten Angebot an Einkaufs- und Verpflegungsmöglichkeiten und Dienstleistungen an diesen. Durch die Staffelung im Grundriss entstehen kleinere Ausweitungen (Plätzchen) zwischen Strasse und der Fassadenfront. Die Baukörper setzen sich je aus einem ein- bis zweigeschossigen Sockelgeschoss zusammen, was auch grössere Ladenflächen ermöglicht, und drei bis zu fünfgeschossigen, darauf liegenden volumetrischen Akzenten, welche Wohnungen und Dienstleistungsflächen beinhalten. Der westlichste Gebäudeteil schliesst den Dorfplatz gegen Süden hin ab und bildet gleichzeitig auch eine Fassade zum zur Bushaltestelle und zur Unterführung aus. Östlich lässt er eine Lücke offen zum Nachbarsbau und schafft eine Verbindung vom Strassenraum zum Dorfplatz. Das längliche Gebäudevolumen mit den beiden Höhenakzenten bildet zur Mardeläckerstrasse und zur Raiffeisenbank hin einen kleinen Platz aus und markiert mit der dahinterliegenden, schlanken Fassade bereits aus einiger Entfernung den Anfang des neuen Dorfzentrums. Die vorgeschlagenen Gebäudevolumen am Strassenraum sind als modellierbaren Bestandteile der städtebaulichen Gesamtidee zu verstehen und Stellen zu diesem Zeitpunkt eine Skizze von möglichen Volumen dar, welche einen Eindruck von der an der Landstrasse möglichen Dichte und Körnung vermitteln sollen.

Wohnungskonzept

Alle Wohnungen reagieren in ihrer Grundanlage auf die Lärmemissionen der Landstrasse. So werden bewusst keine Nord-Süd ausgerichteten Wohnzeilen geplant, sondern Wohnungen die sich über Eck erstrecken, was die lärmgeschützte, natürliche Belüftung sämtlicher Räume ermöglicht. (Zur natürlichen Belüftung muss kein Fenster gegen die Landstrasse geöffnet werden.) Weiter sind in sämtlichen Wohnungen weder Schlafzimmer noch Loggien auf die Landstrasse ausgerichtet. Momentan sind mehrheitlich 4 ½ Zimmerwohnungen geplant, ein Teil der Wohnungen sind als Alterswohnungen angedacht. (Kleinere Wohnungen in Zentrumsnähe)

Dorfplatz - Vertrautes mit Neuem verbinden

Der als Zentrum fungierende neue Dorfplatz wird so angelegt, dass sich neue und bestehende Gebäude an ihm vereinen und die wichtigsten Wegachsen auf ihn oder an ihm vorbeiführen. Dies schafft Vertrautheit, der “Neue Dorfplatz “ profitiert von bereits vorhandener Identität und wird in den gegenwärtigen Alltag integriert. An den zentralen Platz grenzen einerseits das Gemeindehaus und die neue Mehrzweckhalle als dessen Gegenüber, welche so bestens für politische und sonstige Gemeinde-Anlässe genutzt werden kann. Die weiteren Anrainer stellen die südlichen Trakte der Schule, sowie das an der Landstrasse stehende, neue Wohn- und Gewerbegebäude dar, in dessen Sockelgeschoss ein Grossverteiler sowie ein Strassencafé denkbar sind. Die Lage des Dorfplatzes macht ihn auch bezüglich Erschliessung zum zentraler Ort der näheren Umgebung. Der neu über den Platz führende Kornhausweg, welcher zu Schule, Bushaltestelle, zur Unterführung, zum Gemeindehaus, zur Tiefgarageneinfahrt und zu den Neubauten am Platz führt, wird zur Pulsader des Dorfplatzes und macht ihn zum Begegnungsort des alltäglichen Lebens. Der Platz soll vor allem auch im Alltag belebt sein und funktionieren, keine leere, wartende Fläche, um dann bei bestimmten Anlässen vom Festbetrieb eingenommen zu werden.

Mehrzweckhalle - die Stube des Dorfes

Die Mehrzweckhalle ist auf den Dorfplatz orientiert, bildet dessen Hauptfassade wo sich auch der Eingang in das grosszügige Foyer mit angrenzender Küche befindet. Über das tiefe Foyer, darüber liegen die Nebenräume, gelangt man in den eine unaufdringliche Festlichkeit ausstrahlenden Saal. Als Entsprechung zum Foyer liegen auf der gegenüberliegenden Seite des Saales die Vereinsräume, welche bei einem Grossanlass ebenfalls als Foyer genutzt werden können. Der Grundriss strebt eine Durchsicht vom Dorfplatz durch Foyer, Saal und Vereinsräume an und schafft so eine optische Verbindung der beiden Aussenräume. Der Zwischenraum zwischen den beiden Hallen dient den Vereinsräumen als Vorplatz. Die Mehrzweckhalle ist als Holzbau in Leichtbauweise geplant, die das Dach tragenden Träger im Kreuzverband prägen den architektonischen Ausdruck des Saales und lassen eine Festlichkeit aufkommen, welche einen angemessenen Rahmen für Gemeindeversammlungen und kulturelle Anlässe wie Konzerte oder Theater bildet. Während Dorffesten und sonstigen Grossanlässen können Foyer, Küche, der Saal und die Vereinsräume zu den Aussenräume hin als grosses Festzelt geöffnet werden und diese bedienen. Die äussere Fassadenverkleidung besteht aus Faserzementplatten, welche durch eine leichte Faltung ein schmückendes Relief erhalten. Die Platten der Mehrzweckhallen werden neben der Faltung mit einer dezenten, rautenförmigen Musterung versehen.

Dreifachturnhalle - Das unverzichtbare Gegenstück zur MZH

Die Turnhalle wird über den an die Schulstrasse angrenzenden Zwischenraum erschlossen und kann über einen Nebeneingang auch direkt von der Schulstrasse her betreten werden. Das Hallenniveau der Sporthallen ist um ein Geschoss abgesenkt, um ebenerdigen Tribünenzugang zu erreichen und die Geräteräume unterirdisch unterbringen zu können, was einen dreiseitigen Einblick über die Fensterfronten in die Hallen aus den Aussenbereichen ermöglicht. Ein Teil der Garderoben befindet sich auf Eingangsniveau und kann so bequem mit Aussenaktivitäten auf der Spielwiese kombiniert werden. Die restlichen Garderoben befinden sich auf Hallenniveau. Analog zur Mehrzweckhalle sind die Turnhallen in hölzerner Leichtbauweise geplant. Es wird aber bewusst ein anderer, konstruktiver Ausdruck gesucht und so wurden als Primärträger der Dreifachturnhalle Holzfachwerke gewählt. Im Unterschied zur MZH erhalten die Sporthallen einen der Nutzung entsprechenden, rationelleren architektonischen Ausdruck im Innenraum. In der äusserlichen Fassadengestaltung unterscheiden sich die Hallen, einem homogenen Gesamteindruck verpflichtet, durch das Weglassen des Rautenmusters bei der Dreifachsporthalle, bloss marginal.


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